Die polnischen Bischöfe zu Fragen der europäischen Integration

21-03-2002

Warschau, den 21. März 2002.

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1. Polen erlebt gegenwärtig eine wichtige Zeit der immer stärker werdenden Integration mit den wirtschaftlichen und politischen Strukturen der Europäischen Union. In diesem wichtigen geschichtlichen Augenblick darf ein Wort der Bischöfe nicht fehlen. Wir greifen damit eine jahrhundertealte Tradition der Kirche auf, die, geleitet vom Licht des Evangeliums, in Zeiten des Umbruchs Geist und Gewissen der Gläubigen sowie aller Menschen guten Willens zu schärfen bemüht war, damit sie die richtige Wahl zum Wohle und zur Einheit der Völker treffen. Und so wollen wir auch jetzt über den Stellenwert und die Rolle Polens in dem sich immer mehr vereinigenden Europa intensiv nachdenken.

2. Die Kirche unterstützt einende Maßnahmen, die die fundamentalen Menschenrechte respektieren und der integralen Entwicklung der menschlichen Person dienen und fördert das Gemeinwohl in nationaler und staatlicher Dimension. Eine solche Haltung ergibt sich aus der Tatsache, daß das höchste Gesetz der Kirche, gleichsam seine innere Verfassung, das Recht auf Liebe ist, das die Menschen miteinander verbindet und den Egoismus im individuellen wie gesellschaftlichen Bereich zu überwinden hilft, denn der Egoismus ist die Quelle für Spaltung und Ungerechtigkeit. Das Gebot der Liebe umgreift nämlich nicht nur den anderen Menschen, sondern es betrifft auch seine Umwelt, in die er von Gott zum Leben berufen wurde, in welcher er sich entwickelt und wächst.

3. Nach dem Zusammenbruch des totalitären kommunistischen Systems im Jahre 1989 eröffnete sich für die Völker Europas die Chance zur erneuten Vereinigung von Ost- und Westeuropa. Diesem Ziel soll die umfassende Integration mit den Strukturen der Europäischen Union dienen. Die Idee eines vereinten Europa entsprang der christlichen Inspiration solcher Politiker wie: Alcide De Gasperi, Robert Schumann und Konrad Adenauer. Nach den Erfahrungen vieler Kriege und Konflikte auf unserem Kontinent brachte diese Idee den Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben der Völker zum Ausdruck, die allen Menschen die Respektierung der Grundrechte der menschlichen Person sowie Wohlstand und Sicherheit garantieren sollte. Die katholische Kirche, und somit auch die Kirche in Polen, hat diesen Prozess von Anfang an unterstützt. Nach dem Verständnis der Kirche ist Europa nicht nur eine wirtschaftliche und politische Struktur, sondern vor allem eine Gemeinschaft von Geschichte, Kultur, Geist und Tradition, die auf dauerhaften geistigen jüdisch-christlichen Werten basiert, auf römischem Recht und griechischer Philosophie.

4. Die Integration Polens mit der Europäischen Union, vor allem zum gegenwärtigen Zeitpunkt der intensivierten Verhandlungen um Polens Mitgliedschaft, ist eine Frage von großem Gewicht. Die politischen Debatten werden schließlich für Jahrzehnte über Polens Zukunft entscheiden. Daher müssen sich in dieser Frage alle Menschen und Kreise engagieren, die für das nationale Erbe Verantwortung tragen. Dazu gehören die staatlichen Behören, die Selbstverwaltungen, die Nicht-Regierungsorganisationen, die katholische Kirche, andere Kirchen und Glaubensgemeinschaften. In diesem besonderen historischen Augenblick brauchen alle eine aufrichtige und sachliche Information über den Verlauf der Verhandlungen. Sie soll Auskunft geben über die sich in diesem Zusammenhang ergebenden Fragen und Zweifel. Der Mangel an solchen Informationen dient nicht dem richtigen Verständnis des Integrationsprozesses und verursacht bei vielen Menschen erhebliche Ängste.

5. Johannes Paul II. äußert sich häufig zu wesentlichen Fragen der europäischen Einheit. Indem wir uns voll und ganz mit der Lehre des Heiligen Vaters zu den Fragen Europas identifizieren, rufen wir Bischöfe dazu auf, die päpstlichen Äußerungen nicht instrumental und selektiv zur Bestätigung der eigenen Meinung zu benutzen. Die Sorge um den Platz, der Polen in den europäischen Strukturen zusteht, darf sich nicht ausschließlich auf ökonomische und politische Aspekte beschränken. Polen möchte auch weiterhin zu Europa gehören „als Staat, der sein eigenes geistiges und kulturelles Antlitz hat und über seine unveräußerliche geschichtliche Tradition verfügt, die von Anbeginn mit dem Christentum verbunden ist. Diese Tradition, diese nationale Identität, darf Polen nicht aufgeben. Wenn die Republik Polen Mitglied der europäischen Gemeinschaft wird, darf es nichts von seinen materiellen und geistigen Werten einbüßen, die um den Preis des Blutes von Generationen unserer Vorfahren verteidigt wurden” (Johannes Paul II. bei der Überreichung des Beglaubigungsschreibens des polnischen Botschafters beim Vatikan, Vatikan, 3.12.2001).

6. Wir sind uns dessen bewußt, daß die Einbindung in die europäischen Strukturen nicht den Verzicht auf nationale, politische und kulturelle  Souveränität bedeuten kann, wozu auch die religiöse Identität gehört. Das bedeutet aber auch die Respektierung der Identität anderer Völker, und daraus ergibt sich das Recht, über die Gestalt des künftigen Europa mitzuentscheiden. Im Gefühl der Verantwortung für das jahrhundertealte geistige, nationale Erbe wollen die Hirten der Kirche in Polen, bei voller Achtung des in Europa bestehenden weltanschaulichen Pluralismus, eine neue Anstrengung unternehmen, um die reiche kulturelle, religiöse und geistige „Mitgift” unseres Volkes zu bewahren, zu vertiefen und ins neue Jahrtausend zu tragen. Es ist ein Reichtum, den wir mit anderen Völkern unseres Kontinents teilen und gleichzeitig offen sein wollen für den Reichtum des geistigen Erbes anderer Nationen. Denn Reichtum in Europa ist die sich gegenseitig ergänzende Tradition von Ost und West. Wir brauchen einander, damit sich Europa entwickeln und mit beiden Lungen atmen kann.

7. Es ist nicht Aufgabe der Kirche, Verhandlungen zu führen und Einzelfragen zu diskutieren. Das ist die verfassungsgemäße Aufgabe ziviler Einrichtungen von: Parlament, Regierung, Präsident. Es gehört zu den Pflichten dieser Institutionen, in so wichtigen Fragen wie es die laufenden Verhandlungen sind, die die Zukunft unseres Vaterlandes betreffen, Rechte und Interessen aller Bürger unseres Landes zu garantieren, wobei es gilt, Volk, Einrichtungen und Bürgergruppen als genuine Subjekte zu berücksichtigen und nicht nur ausgewählten politischen Optionen das Wort zu reden. Die Kirche wird über die Rechte der menschlichen Person wachen und die fundamentalen Prinzipien des Dekalogs sowie solche geistigen und moralischen Werte verteidigen, die die Identität unseres Volkes von grundauf bestimmen und seit mehr als tausend Jahren im Geiste des Evangeliums Christi gewachsen sind.

8. Die Aufgaben der zivilen Behörden konzentrieren sich hauptsächlich auf wirtschaftliche und politische Fragen. Es obliegt ihnen, möglichst günstige Bedingungen für den Beitritt Polens in die Europäische Union auszuhandeln. Die Kirche möchte, im Einklang mit ihrer wesentlichen Berufung zur Heilsbringung (vgl.GS, 42), daß sich die Erweiterung der Union im Einklang mit einer besseren Kenntnis darüber vollzieht, daß im Zentrum aller Bemühungen, die zu dieser Einheit führen, der Mensch und seine unveräußerliche Würde zu stehen hat, die er im Schöpfungsakt als „Bild und Gleichnis Gottes” (Gen 1,27) erhalten hat sowie sein umfassend verstandenes Wohl.

9. Die Europäische Union sollte genau Aufgaben und Ziele definieren sowie die Werte, auf welchen die Zusammenarbeit und Interdependenz ihrer einzelnen Mitglieder basieren soll. Dem dient der von den Regierungschefs in Laeken eingesetzte Konvent, dessen Beschlüsse in hohem Maße über die künftige Gestalt und Entwicklung, sowie über geltende Kriterien und Normen in den reformierten Strukturen der erweiterten Union entscheiden werden. Wir drücken die Überzeugung aus, daß die Vertreter der polnischen Regierung und des Parlaments dafür Sorge tragen werden, daß die Beschlüsse des Konvents dem geistigen und materiellen Wohl des ganzen Volkes dienen und das Prinzip der Gleichheit und Solidarität voll und ganz respektieren, wie dies in der Charta der Grundrechte der Europäischen Union festgeschrieben ist. Wir bedauern, daß aus der Europacharta sämtliche unmittelbaren Bezüge zur Religion, und somit auch dem Christentum, getilgt wurden. Zusammen mit Johannes Paul II. erachten wir dies als eine ahistorische und beleidigende Tatsache gegenüber den Vätern des Neuen Europa, auf die wir uns oben beziehen (Vgl. Johannes Paul II. an die Kommission der Episkopate der Europäischen Union, 23.02.2002). Wir erwarten, daß sich in der künftigen Gesetzgebung Europas ein Bezug auf Gott finden wird, der für gläubige Menschen die letztendliche Begründung für das Bestehen von Grundwerten sowie der religiös-moralischen und gesellschaftlichen Ordnung ist.

10. Wir teilen die Befürchtungen vieler Gläubigen hinsichtlich dessen, ob in den Verhandlungen die Grundsätze des partnerschaftlichen Dialogs, und nicht eines faktischen Diktats, respektiert werden. Wir erwarten, daß die Beschlüsse des Konvents voll und ganz das fundamentale Recht eines jeden Menschen auf Leben vom Augenblick der Zeugung bis zum Tode garantieren, und daß das Eherecht als dauerhafte Verbindung von Mann und Frau sowie das Familienrecht als Keimzelle der Gesellschaft respektiert wird. Wir erwarten ebenfalls, daß die Gesetzgebung der Union den Rechtsstatus der Kirche und die religiöse Freiheit garantiert, und nicht nur die Gewissensfreiheit einzelner Bürger, sondern auch den rechtlichen Status der katholischen Kirche sowie anderer Kirchen und Glaubensgemeinschaften als Institution.

11. Wir rufen alle Beteiligten zum beständigen Dialog auf und drücken die Überzeugung aus, daß dieser zu gemeinsamen Absprachen auch in den schwierigsten Fragen führt. Als Hirten der Kirche teilen wir die aufkommenden Ängste hinsichtlich des fortschreitenden Prozesses der Laizisierung, der auf Konsum ausgerichteten Mentalität und Politik und den damit verbundenen religiösen Indifferentismus. Das führt nicht selten zu einem Lebensstil, „als ob es Gott nicht gebe”. Wenngleich dieser Prozess nicht direkt mit der Institution Europäische Union in Verbindung steht, so hängt er doch eng mit dem häufig lancierten und propagierten materialstischen und säkularisierten Lebensstil zusammen. Es bedarf also einer vertieften christlichen Haltung, die es allen erlaubt, sich in der neuen Wirklichkeit der Europäischen Union wiederzufinden. Die katholische Kirche in Polen möchte ihren Beitrag zur Schaffung eines gegenseitigen Vertrauens zwischen den Menschen leisten, die Mauern von Vorurteilen, Feindschaft, Entfremdung und Haß in den Herzen der Menschen einreißen, und auch die christliche Hoffnung stärken, die der Quell jeder geistigen Kraft ist, ohne die es keine Zukunft gibt.

12. Die breit angelegten Reformen der Europäischen Union und die damit verbundenen Bemühungen der Anpassung der polnischen Wirtschaft an ihre Standards, vor allem im Bereich der Landwirtschaft, werden nicht wenige Opfer und so manchen Verzicht fordern. Wir wenden uns mit einem herzlichen Appell an alle, die öffentliche Verantwortung tragen, rechtliche und institutionelle Voraussetzungen zu schaffen, damit die Bürger der Republik Polen im Bewußtsein ihres eigenen Stellenwerts als Subjekt in die Lage versetzt werden, ihre berechtigten Initiativen und ihre Ambitionen in Richtung einer eigenen Unternehmerschaft zu realisieren. An alle, die von den schmerzlichen Folgen der Transformation betroffen sind, besondern an Landwirte und Arbeitslose, richten wir Worte der Ermutigung, sie mögen sich nicht der Apathie hingeben sondern nach Möglichkeit Initiativen ergreifen, die auf die Überwindung bestehender Schwierigkeiten abzielen. Es wird nicht leicht sein, die materiellen und geistigen Mängel sowie die Vernachlässigungen in der Wirtschaft vergangener Jahrzehnte aufzuholen und die seitens der totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts erlittenen Verwundungen zu heilen sowie die in unserem Volk verbreiteten Ängste und Sorgen zu überwinden. Die Gestaltung eines geschärften Bewußtseins ist nämlich ein langwieriger und mühevoller innerer Prozess. Wir drücken jedoch die Überzeugung aus, daß die Früchte dieses Prozesses schließlich dem Wohle der Polen, das heißt der geistigen und materiellen Entwicklung unseres Vaterlandes dienen werden. Wir erwarten von den Politikern, daß sie sich gewissenhaft darum bemühen, Lasten und Nutzen der eingeleiteten Reformen proportional zu verteilen, vor allem darauf zu achten, daß die ärmsten Schichten der Bevölkerung von den Nachteilen nicht betroffen werden. Wir erwarten auch – zusammen mit Johannes Paul II. – daß die Verantwortlichen in der Union Verständnis aufbringen für die ernsthaften Schwierigkeiten, die jene Länder in der Anfangsphase der Anpassung an die ihnen gestellten Bedingungen haben werden, in welchen noch bis vor kurzem ein anderes Wirtschafssystem galt (Vgl. Johannes Paul II an die Kommission der EU-Episkopate, s.o.).

13. Um den uns zu erwartenden Herausforderungen wirksam begegnen zu können, ist nicht nur ein gemeinsames Handeln von Kirche, Staat, Nicht-Regierungsorganisationen und Organen der Europäischen Union vonnöten. Es bedarf auch des gegenseitigen Vertrauens und des Gebets. Die katholische Kirche bindet sich aktiv ein in die Wiederherstellung des Vertrauens in der Bevölkerung sowie eine Atmosphäre des gegenseitigen Wohlwollens und der Zusammenarbeit.

Indem wir das geistige Erbe des hl. Adalbert, eines der Schutzheiligen der ungeteilten Kirche von Ost und West aufgreifen, rufen wir alle Gläubigen dazu auf, sich dem Gebet an den Einen Herrn der Geschichte anzuschließen. Auf die Fürsprache der Gottesmutter und den Beistand der Schutzheiligen Europas: des hl. Benedikt, der hl. Cyril und Methodius, der hl. Katharina von Siena, der hl. Brigitta von Schweden sowie der hl. Edith Stein (Schwester Benedikta vom Kreuz) bitten wir unseren Herrn Jesus Christus, daß der „alte Kontinent” weiterhin dynamisch und jung im Geiste Seines Evangeliums bleibt, und ebenso, daß er nicht nur immer stärker zu einer Gemeinschaft von Wirtschaft und Politik wird, sondern vor allem zu einer echten Gemeinschaft des Geistes zusammenwächst.

 

Unterschrieben von den Kardinälen, Erzbischöfen und Bischöfen auf der 316. Plenarversammlung der Konferenz des Polnischen Episkopats

 

Warschau, den 21. März 2002

 

Tłumaczył: Winfried LIPCHER