Predigt in der Hl. Messe aus Anlass des 50. Jahrestages des Briefwechsels zwischen dem polnischen und dem deutschen Episkopat

22-11-2015
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Tschenstochau, 22. November 2015

Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Schrifttexte:
Dan 7,2a.13b-14
Offb 1,5b-8
Joh 18,33b-
37

Liebe Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Amt,
liebe Mitchristen aus Polen und Deutschland!

 Wir feiern die Hl. Messe in dieser Stunde im Gedenken an das historische Ereignis des Briefwechsels zwischen den polnischen und den deutschen Bischöfen. Vor fünfzig Jahren – im November 1965 – weilten die Bischöfe aus der ganzen katholischen Weltkirche beim Zweiten Vatikanischen Konzil, das kurz vor dem Abschluss stand. Die polnischen Bischöfe schrieben in diesen Tagen viele Briefe, um Bischöfe aus anderen Ländern zur Feier des Milleniums, der 1000-Jahr-Feier der Taufe Polens, einzuladen. Einer dieser Briefe hatte historische Qualität. Es war das Schreiben an die deutschen Bischöfe, in dem der polnische Episkopat an die lange, manches Mal bereichernde, nicht selten aber auch grausame Geschichte erinnerte, die das polnische und das deutsche Volk miteinander verbindet. Am Ende dieses Briefes stehen die Worte, die bis heute in der Erinnerung der Völker aufbewahrt sind: „Wir strecken unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung”. Das sind große Worte, historische Worte, für die Deutschen ein unverdientes Geschenk. In ihnen scheint eine andere Möglichkeit der Geschichte auf als die verheißungslose, bleierne Realität, in der man sich in der Mitte der 1960er Jahre auskannte und eingerichtet hatte.

 Für die jungen Leute in unseren Tagen sind die Situation jener Tage und damit auch die Sprengkraft der Worte „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung“ nur noch schwer nachvollziehbar. Das alltägliche Zusammenleben von Polen und Deutschen ist so normal, wie man es sich nur denken kann. Gemeinsam sind unsere Länder in der Europäischen Union; sie gestalten Politik und Wirtschaft miteinander. Die Bürger können jederzeit ins Nachbarland reisen, dort arbeiten und wohnen. Polen sind die mit Abstand größte Gruppe unter den ausländischen Katholiken in Deutschland. Binationale Ehen werden geschlossen, Freundschaften geknüpft. So ist es heute, und so soll es sein.

Aber wie anders war es vor fünfzig Jahren! Polen und Ostdeutschland standen unter kommunistischer Herrschaft, Deutschland war geteilt. Es gab kaum Reisemöglichkeiten und deshalb nur wenige Kontakte zwischen Polen und Deutschen. Und bei den meisten – auf beiden Seiten – war das Bedürfnis, sich mit den anderen auszutauschen, wohl auch nicht sehr ausgeprägt. 1965 lag der Zweite Weltkrieg gerade einmal zwanzig Jahre zurück. Die deutsche Besatzung war bei den Polen noch in frischer Erinnerung. Sie hatte millionenfach Tod und Leid gebracht. Polen, wie die östlichen Länder Europas, erlebte einen Versklavungs- und Vernichtungsfeldzug. Die Ermordung der gesellschaftlichen Eliten war Programm.

 Auch der polnische Klerus hat in diesen Jahren einen gewaltigen Blutzoll entrichten müssen Ein Ortsname ist zum Synonym für diesen Terror gegen die Kirche geworden: Dachau. Viele Priester waren im dortigen Konzentrationslager eingesperrt, wurden drangsaliert und umgebracht. Am 29. April dieses Jahres haben wir dort den 70. Jahrestag der Befreiung des KZ begangen. Es war für mich bewegend, mit mehr als vierzig polnischen Bischöfen und hunderten Priestern diesen Tag zu verbringen. Und in dieser Atmosphäre, in der die Schrecken noch einmal aufgerufen wurden, konnte man spüren und auf intensive Weise verstehen, was es bedeutet hat, dass die polnischen Bischöfe nur zwanzig Jahre nach all der Barbarei Vergebung gewährt und – mehr noch – auch Vergebung erbeten haben.

 Die deutschen Bischöfe haben ihre Antwort auf den polnischen Brief einige Tage später gegeben. Sie schrieben: „Mit brüderlicher Ehrfurcht ergreifen wir die dargebotenen Hände. Der Gott des Friedens gewähre uns auf die Fürbitte der ‚regina pacis‘, dass niemals wieder der Ungeist des Hasses unsere Hände trenne!“ Auch die deutschen Bischöfe – man sollte es nicht vergessen – waren in keiner leichten Lage. Sie lebten inmitten eines Volkes, das erst langsam begann, die Größe der Schuld zu begreifen, an der viele während der nationalsozialistischen Herrschaft teilgehabt hatten. Millionen Betroffenen aber stand die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten des Reiches sehr lebendig vor Augen, und die allermeisten Deutschen konnten sich noch nicht mit der neuen Grenze an Oder und Neiße abfinden.

 Das Entscheidende ist: Beide, die Bischöfe in Polen und in Deutschland, haben tatsächlich dafür gesorgt, dass Hass, Zwietracht und politisches Kalkül unsere Hände nicht wieder trennen konnten. Bei allem Auf und Ab der politischen Beziehungen, bei manchen Ungereimtheiten und Enttäuschungen, die es auch im Verhältnis zwischen der Kirche in Deutschland und in Polen gab: Die Kirche in beiden Ländern – nicht nur die Bischöfe, sondern auch Priester und Laien – ist zusammengeblieben. Gemeinsam wollen wir unsere Heimat Europa und die Zukunft des Christentums auf unserem Kontinent gestalten. Dies war gleichsam das Programm des Briefwechsels. Ihm sind wir treu geblieben. Ihm müssen wir auch in Zukunft treu bleiben.

Wir feiern heute das Hochfest Christkönig. Christus ist der König. Ihm wollen wir dienen. Dies ist die Botschaft des Christkönigsfestes. Gott selbst, so heißt es in der Vision des Propheten Daniel, die wir in der 1. Lesung gehört haben, hat dem Menschensohn „Herrschaft, Würde und Königtum gegeben“. Es ist eine „ewige, unvergängliche Herrschaft“, die alle Formen menschlicher Herrschaft zurücktreten lässt und radikal relativiert. Denn Jesus Christus, so sagt es die Geheime Offenbarung des Johannes, ist „der Herrscher über die Könige der Erde“. Am Ende der Zeiten wird sich alles menschliche Herrschen vor dem einen Herrn der Geschichte zu verantworten haben.

 Aber das Königtum Jesu kommt ganz anders daher als die Herrschaft, die unter Menschen geläufig ist. Davon ist im heutigen Evangelium die Rede. Ausgerechnet in der Situation äußersten Ausgeliefert-Seins, im Gerichtshof des Pilatus, draußen die Masse derer, die seine Hinrichtung fordert, bekennt sich Jesus dazu, König zu sein. „Ich bin ein König“, antwortet er dem römischen Statthalter. Da ist nichts von Prunk und Herrschaftsgebaren, nichts von pomp and circumstances, wie die Engländer die Inszenierung ihres Königshauses nennen.

 Mit dem Königtum Jesu hat es eine andere Bewandtnis. „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt“, lässt er Pilatus wissen. Das heißt: Jesus ist nicht einer der vielen Könige, wie sie die Völker kennen. Ein Königtum nicht von dieser Welt – aber das bedeutet nicht, dass es ein der Welt, ein den Menschen mit ihren Verstrickungen, ihrer Verzweiflung und ihrer Schuld abgewandtes Königtum wäre. Im Gegenteil: Das Königtum Jesu besteht darin, dass der Himmel die Erde berührt. Die Definition des Christkönigs lautet in den Worten Jesu: „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege.“ Jesus ist der Zeuge der Wahrheit Gottes und so den Menschen und aller Welt nahe. Dies ist das Wesen, dies ist der Sinn des Königtums Jesu.

 In dem Text aus der Offenbarung des Johannes, der vorhin vorgetragen wurde, wird aber auch von uns als Königen gesprochen. Jesus Christus, heißt es dort, „hat uns zu Königen gemacht“. Dem Herrn anzugehören, ihm nachzufolgen, gibt uns Anteil an seinem königlichen Amt. Und dies bedeutet: Auch wir als Christen haben den Auftrag, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Auch wir sind berufen, Zeugen der Wahrheit Gottes zu sein.

 Das Christkönigsfest hat immer auch eine politische Note. 1925 von Papst Pius XI. eingeführt, war dieses Fest von Anfang an eine Kampfansage an alle politischen Strömungen, die sich selbst absolut setzen und das Christentum aus der Mitte der Gesellschaft und aus der Politik herausdrängen wollen. Das Christkönigsfest wurde in Deutschland gerade während der Nazi-Zeit von den jungen Katholiken demonstrativ gefeiert. Denn die Botschaft dieses Festes ist: Über allen Herrschern dieser Welt gibt es einen, den wir als den König aller Welt und aller Zeit bekennen: Jesus Christus.

Und so ist es ein gutes Zusammentreffen, dass wir heute am Hochfest Christkönig an jene Bischöfe erinnern, die mit ihrem Briefwechsel ein neues Kapitel in den Beziehungen unserer Völker aufgeschlagen haben. Sie haben den engen politischen Horizont ihrer Zeit und die herrschende politische Logik aufgesprengt, indem sie Zeugnis gaben von der Wahrheit. Sie haben bezeugt, dass Schuld, die eingestanden und bereut wird, Vergebung finden kann und so – und nur so! – ein neuer Anfang gesetzt werden kann im Verhältnis der Menschen und der Nationen.

 Die polnischen Bischöfe haben erfahren müssen, dass das Zeugnis der Wahrheit, das die Christen mit dem Christkönig verbindet, harte Konsequenzen nach sich ziehen kann. Nach dem Brief an die deutschen Mitbrüder waren sie einer auch für kommunistische Verhältnisse beispiellosen Propaganda-Kampagne ausgesetzt, die die Kirche in den Augen des polnischen Volkes diskreditieren sollte. Aber die Bischöfe haben Stand gehalten und das Vertrauen ihrer Gläubigen bewahrt und schließlich gemehrt.

 In dieser Stunde frage ich mich aber auch: Was ist unser Auftrag heute und für die Zukunft unserer Länder und Europas? Wir wollen gemeinsam feierlich versprechen: Als katholische Kirche in Deutschland und in Polen werden wir gemeinsam für Frieden, Versöhnung und Recht eintreten, und zwar für alle Menschen. Der Blick zurück muss einem Blick nach vorn werden. Ein Gegeneinander von Deutschland und Polen darf es nie wieder geben!

 Der Briefwechsel war ein Zeugnisgeben von der Wahrheit Gottes, ein Christkönigsmoment in der Geschichte der Kirche in Polen und Deutschland. Dafür dürfen wir heute Christus, unserem König, danken. Wir nehmen aber auch den Auftrag dieses Königs ernst, heute und morgen Werkzeug, Sakrament der Einheit aller Menschen und der Menschen mit Gott zu sein. (vgl. LG 1).

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