Gemeinsame Erklärung der Vorsitzenden der Polnischen und der Deutschen Bischofskonferenz aus Anlass des 50. Jahrestages des Briefwechsels von 1965

23-11-2015
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Zukunft gestalten aus dem Geist erfahrener Versöhnung

Gemeinsame Erklärung der Vorsitzenden der Polnischen und der Deutschen Bischofskonferenz aus Anlass des 50. Jahrestages des Briefwechsels von 1965

  1. 50 Jahre sind vergangen, seit die polnischen und die deutschen Bischöfe mit ihrem Briefwechsel in den letzten Tagen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu einem neuen Anfang in den Beziehungen der Völker beitrugen. Die Initiative ging von denpolnischen Bischöfen aus. Ihr Schreiben an die deutschen Mitbrüder enthielt die bemerkenswerten Sätze, die bis heute im geschichtlichen Bewusstsein nachhallen: „Wir strecken unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.“ Die Antwort der deutschen Bischöfe erfolgte einige Tage später: „Mit brüderlicher Ehrfurcht ergreifen wir die dargebotenen Hände. Der Gott des Friedens gewähre uns auf die Fürbitte der ‚reginapacis‘, dass niemals wieder der Ungeist des Hasses unsere Hände trenne!“
  1. Die Jüngeren in unseren Ländern können die Brisanz dieser Worte heute kaum noch ermessen. Sie erleben Deutschland und Polen als gute Nachbarn, die in international anerkannten Grenzen leben. Beide Länder sind Mitglieder der Europäischen Union und im transatlantischen Sicherheitsbündnis. Die Bürger haben die Möglichkeit, jederzeit das Nachbarland zu besuchen, dort zu studieren, eine Arbeit aufzunehmen und sich niederzulassen. Polen und Deutsche begegnen sich im Alltag unbefangen, gemeinsam engagieren sie sich in wirtschaftlichen oder zivilgesellschaftlichen Projekten, schließen Freundschaften und Ehen. Diese Fortschritte im Miteinander sind atemberaubend, wenn man sich die Lage vor Augen führt, die Mitte der 1960er Jahre – zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – herrschte.
  1. Durch den Eisernen Vorhang waren West-Deutsche und Polen damals strikt voneinander getrennt. Bleischwer lastete die Erinnerung an die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs auf den Menschen in Polen. Es war kein Krieg jener Art gewesen, wie ihn die Völker Europas in ihrer Geschichte nur allzu oft geführt hatten. Das nationalsozialistische Deutschland mit seiner rassistischen Ideologie hatte einen Versklavungskrieg gegen Polen geführt und wollte ganze Schichten der Gesellschaft physisch vernichten.

Vor diesem Hintergrund wird das historische Verdienst der polnischen Bischöfe deutlich, die ihre Hände über den Graben der Gewaltgeschichte zwischen den Völkern hinweg ausgestreckt haben – eine Geste, die von den deutschen Mitbrüdern dann erwidert wurde. „In Anbetracht des verbrecherischen Angriffskriegs des nationalsozialistischen Deutschland, des tausendfachen Unrechts, das in der Folge den Menschen in Polen durch Deutsche zugefügt wurde, und des Unrechts, das vielen Deutschen durch Vertreibung und Verlust der Heimat angetan wurde wiederholen wir in diesem Geiste gemeinsam die Worte von 1965: Wir vergeben und wir bitten um Vergebung“ (Gemeinsame Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz und der Polnischen Bischofskonferenz aus Anlass des 40. Jahrestages des Briefwechsels vom 21. September 2005).

  1. Die Kirche ist damals aus den realpolitischen Zwängen des Kalten Krieges ausgebrochen und hat ein wirkmächtiges Zeichen eines prophetischen Realismus gesetzt. Unsere Vorgänger haben unter extrem schwierigen Umständen auf die Kraft der Vergebung und der Wahrhaftigkeit vertraut. Sie haben die Bereitschaft gezeigt, sich auf den anderen mit dessen Perspektiven und Verletzungen einzulassen. Wenn wir den damaligen Bischöfen heute für ihren christlichen Mut und ihr Zeugnis des Glaubens danken, so schließen wir in dieses Gedenken die vielen Männer und Frauen auf beiden Seiten ein, die seit den 1960er Jahren erste Schritte der Annäherung gegangen sind und so jenen langen, mühsamen, manchmal auch steinigen und holprigen Weg begannen, der schließlich in die Freundschaft und alltägliche Normalität mündete, die unsere Nationen inzwischen verbindet. Im gleichen Jahr wie der Briefwechsel wurdeauch die „Ostdenkschrift“ der Evangelischen Kirche in Deutschland veröffentlicht.
  1. Der gemeinsame Blick kann und darf sich heute auf die Fragen von Gegenwart und Zukunft richten, weil unsere Vorgänger vor dem Blick auf die belastende und trennende Vergangenheit nicht zurückgeschreckt sind. Das Geschenk der Versöhnung, das wir empfangen haben, schärft unseren Blick und lässt uns die Aufgaben besser erkennen, vor denen wir stehen. Den Kirchen in beiden Ländern ist es aufgetragen, die Zukunft aus dem Geist der erfahrenen Versöhnung zu gestalten.Dabei bleibt die Einheit Europas mit seinen christlich geprägten Grundlagen eine Aufgabe, an der wir als Kirche aktiv und intensiv mitarbeiten wollen. Wir sind Christen, wir sind Polen und Deutsche, aber wir sind gemeinsam Europäer!
  1. Das Geschenk der Versöhnung macht uns sensibel für die Situationen von Unversöhntheit und Unfrieden in der heutigen Welt. Trotz aller Fortschritte, für die wir dankbar sein dürfen, leidet Europa an vielen Orten nach wie vor unter den nachwirkenden Wunden der Vergangenheit. Die Identität von Völkern und Gruppen wird immer noch geprägt von historischen Lasten, die nie abgetragen wurden. So werden Unverständnis und Misstrauen, Hass und Gegnerschaft von Generation zu Generation weitergegeben. Die Polnische und die Deutsche Bischofskonferenz feiern das Jubiläum des Briefwechsels deshalb in der Absicht, die Erfahrung der Versöhnung in das Gespräch mit der Kirche und der Gesellschaft in anderen Ländern einzubringen und so Impulse für Versöhnungsprozesse in Europa zu setzen. Mit der von beiden Bischofskonferenzen angestoßenen Gründung der Maximilian-Kolbe-Stiftung haben wir einen ersten Schritt dazu getan. Die Stiftung ist ein wichtiges Instrument unserer künftigen Zusammenarbeit; ihre Arbeit soll weiterentwickelt und ausgebaut werden. In den kommenden Jahren wollen wir daran anknüpfend eine Reihe von Projekten initiieren, die Kirchen darin unterstützen, in ihren Ländern und Regionen die mühsamen Wege der Versöhnung anzubahnen oder weiterzugehen. Die Heilung von Erinnerungen, der Blick auf die Opfer der Geschichte und der Wille zur Wahrhaftigkeit stehen im Mittelpunkt. Dabei sind wir uns sehr bewusst, dass wir nicht triumphalistisch ein „Produkt“ anzubieten haben, sondern anderen eine Hoffnung vermitteln dürfen. Besonders mit den Kirchen in Bosnien-Herzegowina und anderen Teilen des ehemaligen Jugoslawiens sowie mit den Kirchen in osteuropäischen Ländernwerden wir das Gespräch suchen.
  1. Frieden und ein vertrauensvolles Miteinander sind das Ziel aller Versöhnung. Schmerzlich müssen wir erkennen: Militärische Auseinandersetzungen und Krieg sind auf unserem europäischen Kontinentauch heute noch nicht überwunden. Derzeit richten sich unsere Blicke besonders auf die Ukraine.Deren territoriale Integrität wurde durch Übergriffe von Separatisten, die von der Russischen Föderation Unterstützung erfuhren, flagrant verletzt. Die östlichen und südlichen Landesteile sind in einen Konflikt hineingetrieben worden, an dem neben einheimischen auch fremde Kämpfer beteiligt sind. Die Bischofskonferenzen aus Polen und Deutschland unterstützen alle Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, auf der Grundlage des Völkerrechts einen tragfähigen und gerechten Frieden für diese Region anzubahnen. Der Verzicht auf Gewalt ist dabei ebenso geboten wie Festigkeit im Auftreten gegenüber jeder Form von Aggression. Die Krise in der Ukraine fordert auch die Kirchen im östlichen Europa heraus. Einmal mehr stehen sie vor der schwierigen Aufgabe, sich nicht von nationaler Interessenpolitik vereinnahmen zu lassen und die Glaubwürdigkeit der christlichen Friedensbotschaft zu bezeugen. Soweit wir als katholische Kirche in Polen und in Deutschland helfen können, Brücken über die Gräben der Feindschaft zu schlagen, stehen wir dazu – in Demut und ohne jede Attitüde der Belehrung – bereitund werden auch das Gespräch mit unseren orthodoxen Mitbrüdern suchen.
  1. Das Europa, dem Polen und Deutschland angehören und dessen vertiefte Integration wir wünschen und fördern, ist vor allem eine Werte- und Kulturgemeinschaft. Vielerorts gerät heute in Vergessenheit, dass die christlichen Werte und das christliche Menschenbild den europäischen Geist und die Identität der Europäer tief prägen.Die Überzeugung von der unverlierbaren Würde eines jeden Menschen begründet unser Verständnis von Freiheit und Solidarität. Sie wurzelt im Glauben an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, den das Christentum auf unserem Kontinent verbreitet hat. Eine tiefere Begründung der Menschenwürde kann es nicht geben. Als Kirche schulden wir Europa deshalb auch heute das Zeugnis dieses Glaubens. Wir sind überzeugt: Wenn die Würde eines jeden Menschen als Geschenk Gottes verstanden wird, dann ist unsere Zivilisation davor gefeit, auf die Abwege der Machbarkeit und missverstandener Formen menschlicher Selbstbestimmung zu geraten. In diesem Sinne treten wir weiterhin für den Schutz des Lebens in allen seinen Phasen – von der Empfängnis bis zum natürlichen Ende – ein und suchen den Geist der Unterscheidung in die medizinethischen Debatten einzubringen. Nicht zuletzt fördern wir das Gedeihen der Familien, die die Basis einer jeden Gesellschaft darstellen und den Raum bieten sollen, in dem Menschen sich ihrer Würde, Einzigartigkeit und sozialen Verpflichtung konkret bewusst werden können.Im Geist der Katholischen Soziallehre treten wir ein für eine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, in der soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Bewahrung der Schöpfung nachhaltig im Blick bleiben. Es geht um eine „ganzheitliche Ökologie“ (LS 10, LS 137) und „eine neue Fortschrittsidee“ (vgl. LS 194).
  1. Das christliche Verständnis der Würde eines jeden Menschen und die Erfahrung der Versöhnung machen uns Christen sensibel für die Leiden unserer Zeit und rufen uns zum Dienst an den Notleidenden – im eigenen Land, in der europäischen Völkerfamilie, aber auch in der Weltgesellschaft. Schon vor 20 Jahren haben die Polnische und die Deutsche Bischofskonferenz gemeinsam festgestellt: „Solidarität ist unteilbar. Europa darf sich deshalb auch nicht auf sich selbst zurückziehen und einem überholten Eurozentrismus huldigen. Es muss sich vielmehr für weltweite Solidarität öffnen und sich für Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit für alle Menschen einsetzen.“ Dieser Auftrag besteht in unserer geschichtlichen Stunde vor allem angesichts der großen Zahl von Menschen, die in der Nachbarschaft unseres Kontinents, im Nahen Osten und in Teilen Afrikas, zu Opfern von Terror und Krieg werden – darunter, gerade weil sie Minderheiten in ihren Ländern sind, erschreckend viele Christen, denen die Chance eines würdigen Lebens und manchmal das Leben selbst geraubt werden. Viele Menschen aus der Krisenregion haben in den zurückliegenden Monaten die Flucht angetreten; nicht wenige suchen Schutz und Aufnahme in Europa. Die Kirche in Polen und in Deutschland weiß sich den Flüchtlingen nahe. Wir sind aufgerufen zur Hilfe und ermutigen die Hilfsbereitschaft unserer Gesellschaften und Regierungen. Als Kirchen wollen wir unseren Beitrag leisten für ein gutes Gelingen der Integration der Flüchtlinge in unseren Ländern.
  1. Die Katholiken in Deutschland und in Polen wissen sich also einmal mehr gemeinsam auf den Weg gesandt, unseren Gesellschaften das Zeugnis christlichen Glaubens und Engagements zu geben. Wie beim Weltjugendtag 2005 in Köln, so wird auch der nächstjährige Weltjugendtag in Krakau viele junge Gläubige aus beiden Ländern zusammenführen und sie durch persönliche Begegnungen bestärken können. Begleitet von der Fürsprache der Gottesmutter in Tschenstochau, des heiligen Maximilian Kolbe, der als Märtyrer der Versöhnung verehrt wird, und des heiligen Papstes Johannes Paul II. ist das ganze Gottesvolk in Polen und Deutschland aufgerufen, die heutigen Aufgaben im Geiste der erfahrenen Versöhnung mutig anzunehmen. Wir schauen heute nicht nur zurück auf ein historisches Ereignis, sondern wir verpflichten uns gemeinsam neu, als Kirche in Polen und Deutschland engagiert einzutreten für Versöhnung, Frieden und Solidarität. Dieser gemeinsame Weg geht weiter! Er sollte noch mehr, über die Begegnung der Bischöfe hinaus, zu intensiverem Austausch auf allen Ebenen der Kirche in unseren Ländern werden. Dazu ermutigen wir, das wollen wir gemeinsam voranbringen.

Tschenstochau, am Hochfest Christkönig, 22. November 2015

+ Reinhard Kardinal Marx
Erzbischof von München und Freising
Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

+ Stanisław Gądecki
Erzbischof von Posen
Vorsitzender der Polnischen Bischofskonferenz